Hamburgs Beitrag zum Händel-Jahr 2009 kam vom Opernloft mit einer Inszenierung der Händel-Oper „Tolomeo“ - radikal gekürzt, ohne gesungene Rezitative, ohne großes Orchester. Die ursprüngliche, in der Antike angesiedelte Opernhandlung ist völlig im Heute angekommen, in einer Familien-Krise im Spätkapitalismus. Kleopatra, Firmeninhaberin und Clan-Chefin, hört nur noch auf den Namen „Mutter“, ihre sich in der Original-Fassung um die Thronfolge streitenden Söhne fetzen sich um Lebensentwürfe und Identitäten (der eine will als Künstler leben, der andere einfach Geld verdienen).
Auf die Bühne gelangen nur leicht bekleidete Sängerinnen und Sänger - die handelnden Personen „machen sich nackich“ im übertragenen Sinne: Sie tragen die Beweggründe ihres Handelns, das Peinliche, das Enthüllende, offen zur Schau. So der Künstler, der die ganze Familienmeute nur ekelhaft und spießig findet, aber gut von deren Geld lebt. Oder der Angepasste, der nur darauf aus ist, die Firma zu übernehmen, um nicht mehr vor der „Alten“ katzbuckeln zu müssen.
Versinnlicht werden diese Konflikte durch Farben, die die Darsteller in großen Mengen benutzen: Was zu Beginn spielerisch als Graffiti-Bühnenboden-Bemalung beginnt, wird im Laufe der Handlung zunehmend zum Ausdruck der Gefühlswelt: Begehren und Liebe, Hass, Wut, Trauer, Ärger. Die jeweils benutzten Farben werden von den andern: geachtet, berührt, geteilt, übermalt oder zerstört - gaaaaanz intellektuell gesprochen: die Parallelisierung der Konflikte in einer Art Action-Painting. Kurz: Hier wird mit Fingerfarbe gesaut, dass es eine helle Freude ist.
Drei spielfreudige Damen und ein Countertenor, alle vier fix gut bei Stimme, ein kleines Orchester aus Klavier, Violine und Violoncello, ein kurz und klar gefasster Handlungsrahmen und eine kluge Inszenierung, das sind die Zutaten für eine beglückend frische Neusichtung der Händel-Oper „Tolomeo“, an deren Ende dann übrigens auch noch eine E-Gitarre lautstark zum Einsatz kommt.
Zu dieser gelungenen Inszenierung gratuliert die Jury von Herzen der Regisseurin Inken Rahardt.
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