Inken Rahardt - Opernregisseurin und Autorin

Der Ring des Nibelungen

Alle Fotos sind von Silke Heyer und unterliegen dem Copyright!

Kritiken

Hamburger Morgenpost

Wagners Heldendrama im Pyjama

Hektik im Hochbett. Schulmädchen Vero (Veronika Fried) soll ein Referat über Wagners "Ring des Nibelungen" schreiben. Ihre drei Freundinnen sind ratlos: "Was für'n Ring?" Pisa hin oder her - hier muss der größte deutsche Opernstoff offenbar noch einmal gründlich aufgearbeitet werden. Und die Besucher im Opernloft des Jungen Musiktheaters freut es. Denn mal ehrlich: Wer kennt sich schon aus in Wagners Wirrungen um das verfluchte Rheingold, die locker 16 Bühnenstunden füllen?

Zwei Damen ganz bestimmt: Susann Oberacker und Inken Rahardt. Sie haben die 90-minütige Operabreve-Fassung erstellt, die unter Rahardts Regie zu einem flotten Vierer der Sangeskunst gedeiht. Denn die Girlies gehen es praktisch an: Claudi (Claudia Christiane Goldbach) übernimmt die Rolle des hinterlistigen Zwergs Alberich. Dani (Daniela Pech) findet gegenüber Vero ein schlagendes Argument, den Wotan zu mimen ("Du bist zu mickrig für einen Gott"), während Simi (Simone Umland) mit Hilfe des schlauen Buchs "Oper für Dummies" die Handlung rekonstruiert und als tapferer Siegfried das magische (Laser-)Schwert Nothung führt. Der Walkürenritt findet auf dem Damenfahrrad statt, und wenn Vero als Waldvogel die ersten Flugversuche macht, ist das zum Piepen komisch.

Unter der musikalischen Leitung von Markus Bruker (Klavier) mit Daniel Thieme und Elen Harutyunyan an den Violinen präsentieren sich die vier Darstellerinnen in sanglicher und komödiantischer Höchstform. Dieses Heldendrama im Pyjama sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!

Hamburger Abendblatt

Das Ringlein des Nibelungen: Wagner in nur 90 Minuten

Lange vor der Uraufführung hatte Richard Wagner seinen "Ring des Nibelungen" im privaten Kreis vorgestellt. Dort brillierte der Meister als theatralisches Universaltalent, das von der Brünhilde, übers Waldvöglein bis zu Wotan sämtliche Partien selbst sang, sich am Klavier begeleitete und dabei eine Mordsgaudi gehabt haben soll. Diese Zeiten sind leider vorbei, der "Ring" ist als weihevolles Weltendrama längst in höchste Hochkultursphären entrückt. Doch um eine Ahnung vom Geist der ersten Privataufführungen zu erhaschen, empfiehlt sich die Version vom Jungen Musiktheater Hamburg, die am Freitag im Opernloft Premiere hatte.

Regisseurin Inken Rahardt verlegt noch konsequenter als ihr Kollege Claus Guth die gesamte Handlung ins Kinderzimmer. In nur 90 Minuten erschließen sich hier vier Backfische die "Ring"-Welt, indem sie singend, lesend und erzählend in wechselnden Rollen das Drama mit Bordmitteln zum Leben erwecken. Der Hula-Hoop-Reifen wird zum Nibelungen-Ring, Siegfried schleift sein Schwert an einem Fahrradreifen, das Puppenheim von Ken und Barbie ersetzt Walhall.

Spannender als das Umfunktionieren von Kinderzimmerrequisiten ist allerdings die Verwandlung von Kindercharakteren in Figuren der Weltliteratur: Aus der frechen Vero, glänzend gespielt und gesungen von Veronika Fried, wird zwanglos eine rebellische Walküre. Simone Umland verkörpert in den Rollen von Simi, Siegmund und Siegfried drei Inkarnationen des etwas schlichten, blonden, germanischen Sonnenhelden. Und Klein-Wotan, alias Dani, kann man sich in der Version von Daniela Pech ohne Weiteres als oberschlauen Möchtegern-Bandenführer vorstellen. Etwas zu kurz kommt dabei leider die Musik, die ebenfalls aus Bordmitteln, einem Flügel und zwei Streichen, bestritten wird. Der Kernidee aber tut dies keinen Abbruch: Das Kinderzimmerdrama spiegelt die Welt der Großen, so wie Wagners 16-Stunden-Tetralogie Aufstieg und Fall eines ganzen Zeitalters verdichtet. Mit dieser Version spart man 14,5 Stunden, erfährt dennoch, worum es im "Ring" geht, und unterhält sich bestens.